Editio Domini · MMXXVI

Mannheimer Salon

Kulturmagazin für Mannheim und die Rhein-Neckar-Region


← Salon 14. Mai 2026
Bild · 9 min

Drei Räume Wandfarbe — eine Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim

Die Kunsthalle zeigt im Hektor-Bau eine Schau zur Wandfarbe als Bildmaterial. Drei Räume, vier Positionen, eine kuratorische Erzählung, die im zweiten Raum gewinnt und im dritten ein bisschen verliert. Ein Rundgang mit Notizbuch.

Galerieraum mit hoher weißer Wand, ein einzelnes abstraktes Gemälde in Burgunder und Ocker hängt mittig
— Galerieraum mit hoher weißer Wand, ein einzelnes abstraktes Gemälde in Burgunder und Ocker hängt mittig —

Es gibt eine kuratorische Setzung, die so einfach ist, dass sie verdächtig wirkt — und so präzise, dass man, sobald man sie verstanden hat, nicht mehr versteht, warum nicht öfter so kuratiert wird. Die Kunsthalle Mannheim zeigt seit zwei Wochen im Hektor-Bau eine Ausstellung mit dem nüchternen Titel „Wandfarbe”. Drei Räume, vier künstlerische Positionen, kein Katalog im üblichen Format, sondern ein gefaltetes Blatt mit Saaltexten. Die Schau läuft bis Anfang August. Sie ist klein. Sie ist gut. Sie hat Stellen, an denen sie sich selbst übertrifft, und eine, an der sie ihren eigenen Faden verliert.

Ich war an einem späten Dienstagvormittag dort — die beste Zeit für die Kunsthalle, weil die Schulklassen erst nach elf eintreffen. Bis dahin gehört einem der Bau fast allein.

Erster Raum: Die Farbe als Grund

Der erste Raum ist mit einer Wandfarbe gestrichen, deren Ton man im ersten Moment nicht benennen kann. Kein Weiß, kein Beige, kein Grau — irgendetwas dazwischen, mit einem leichten Stich ins Wärmere. Auf der Sauerstoffseite des Spektrums, könnte man sagen, wenn man Farbe so beschreiben dürfte. Erst beim zweiten Hinsehen merkt man, dass die Wand selbst Teil der Ausstellung ist: An ihrer rechten Seite, ungefähr in Augenhöhe, ist die Farbe etwa fünf Zentimeter breit weggekratzt, sodass die darunterliegende ältere Schicht — ein etwas grünlicheres Weiß — zum Vorschein kommt.

Diese Geste — die Wand als Palimpsest — ist die kuratorische Behauptung der gesamten Schau. Die Kuratorin, Ina Korf, die seit drei Jahren an der Kunsthalle arbeitet, will zeigen, dass die Wand, vor der die Kunst hängt, selbst eine Bildträgerin ist. Nicht im naiven Sinn von „Hintergrund”, sondern im präzisen Sinn von Material, das das Bild trägt und das Bild ändert.

Im ersten Raum hängen drei Arbeiten der Berliner Malerin Henriette Voss — alle aus 2024, alle mittelformatig (etwa 80 × 100 cm), alle in einem ähnlichen Farbregister: Erdtöne, Sienna, ein abgeschwächtes Rot, hier und da ein Streifen, der fast schwarz wirkt, bei genauerem Hinsehen aber ein sehr tiefes Aubergine ist. Voss arbeitet mit dicker Lasur — Schicht für Schicht, manchmal acht oder zehn Mal übereinander — sodass das Bild eine eigentümliche Tiefe entwickelt, die Reproduktionen nie wiedergeben. Sie muss live gesehen werden, und sie gewinnt durch die warme Wand erheblich. Vor einer kühlen weißen Wand wäre Voss kühler. Vor dieser Wand atmet sie.

Das ist die These der Ausstellung. Sie wird im ersten Raum behauptet und durch das Sehen direkt verifiziert.

Zweiter Raum: Die Farbe als Gegner

Der zweite Raum ist der gewagteste. Hier hat Korf eine Wand mit einem so satten, fast aufdringlichen Burgunderton gestrichen, dass jede Arbeit, die davor hängt, sofort in Schwierigkeiten gerät. Die Frage, die der Raum stellt: Was hält diese Wand aus?

Antwort der Ausstellung: Eine ganz bestimmte Sorte Arbeit. An der Burgunderwand hängen vier kleinere Tafeln des in Karlsruhe lebenden Malers Jakob Hellinger, ein Künstler, der mit fast monochromen Bildflächen in sehr kühlen Tönen arbeitet — eisblau, bleigrau, ein Mintgrün, das fast medizinisch wirkt. Die Setzung ist gewagt, weil die Komplementärspannung zwischen dem warmen Burgunder der Wand und den kühlen Bildflächen die Augen physisch belastet. Man steht zehn Sekunden vor einem dieser Bilder und muss kurz wegschauen, weil sich der Komplementärschatten auf die Netzhaut einbrennt. Das ist nicht angenehm. Das ist auch nicht zufällig.

Korf will, dass man das Spüren des Sehens spürt. Sie nutzt die Komplementärspannung als didaktisches Mittel — was an einem klinischen Vortrag im Vorlesungssaal nüchtern klingen würde, ist in dieser Hängung ein körperliches Erlebnis. Man verlässt den Raum mit einem Gefühl, das zwischen Ermüdung und Konzentration liegt.

Wer Hellingers Bilder vor einer weißen Wand gesehen hat, hat sie nicht gesehen.

In der Mitte des Raumes steht zudem ein einzelnes Objekt: eine etwa zwei Meter hohe Bronze von Marlies Gerstl, schmal, fast pfeilerartig, mit einer Patina, die ins Aubergine spielt. Die Bronze ist offenbar genau für diesen Raum gemacht — die Farbabstimmung Bronze/Burgunder funktioniert so perfekt, dass man kurz vermutet, sie sei zufällig. Das wäre sie nicht. Korf hat Gerstl, soweit ich verstanden habe, in den Raum hineinkuratiert, und die Bronze antwortet der Wand. Es ist die stärkste Stelle der Schau.

Dritter Raum: Was die Idee nicht trägt

Im dritten Raum kippt die Ausstellung. Das ist nicht tragisch, aber ehrlich zu benennen.

Hier hat Korf eine Wand schwarz gestrichen — nicht tiefschwarz, sondern ein leicht gebrochenes Schwarz mit einem winzigen Anteil Grün, das man erst sieht, wenn man eine Minute hinschaut. Vor dieser Wand hängen großformatige Arbeiten der jungen Mainzer Künstlerin Lucia Beier, die mit Schichten aus Wachs und Pigment arbeitet. Beiers Bilder sind, wenn man sie aus Reproduktionen kennt, sehr lichtempfindlich — die Pigmente schimmern, der Wachs hat eine eigene Tiefe, die je nach Lichteinfall variiert.

Vor der schwarzen Wand verschwindet das alles. Die Bilder, deren Reiz die Lichtreflexion ist, werden vom umgebenden Dunkel verschluckt. Sie sehen müde aus. Sie sind nicht müde — auf einer anderen Wand wären sie hell und vibrierend —, aber hier sehen sie es.

Warum hat Korf das gemacht? Die Antwort steht im Saaltext, ausführlicher als sonst: Die schwarze Wand sei ein „kuratorisches Risiko”, das die Grenze des Konzepts ausloten soll. Sie wolle zeigen, dass nicht jede Wand jede Arbeit trägt — und Beiers Arbeiten würden, gerade durch ihr Scheitern an dieser Wand, ihre Lichtnatur offenbaren.

Das ist klug formuliert, und ich verstehe das Argument. Aber: Es ist eine Ausstellung, kein Vortrag. Wer die Schau betritt, sieht zunächst, dass Beier hier schwach wirkt. Den Saaltext liest man danach, im besten Fall. Im schlechteren Fall verlässt man den Raum mit dem Gefühl, dass die Schau im letzten Drittel nicht mehr trägt — und das wäre ungerecht gegenüber Beier, die anderswo, an anderer Wand, sehr stark ist.

Was die Schau leistet

Trotzdem: Die Ausstellung ist eine der interessantesten, die die Kunsthalle in dieser Spielzeit zeigt. Sie kommt mit vier Künstler:innen und drei Räumen aus — also mit dem Minimum dessen, was kuratorisch ausreicht — und behauptet etwas Klares: Wandfarbe ist Teil der Bildwerdung. Sie zeigt das nicht als These im Katalogtext, sondern am Sehen selbst. Das ist der Unterschied zwischen einer Ausstellung, die etwas erklärt, und einer Ausstellung, die etwas tut.

Voss im ersten Raum gewinnt durch die Wand. Hellinger im zweiten Raum gewinnt durch die Wand. Beier im dritten Raum verliert durch die Wand — auch das ist eine kuratorische Information, aber sie funktioniert ungelenker als die beiden anderen Setzungen.

Wer in die Kunsthalle geht, sollte sich Zeit nehmen — eine Stunde reicht eigentlich nicht. Mindestens neunzig Minuten, weil die Schau zwischen den Räumen funktioniert. Wer durchhastet, sieht drei Wände in drei Farben und vier Künstler:innen. Wer langsam geht, sieht ein Argument.

Die Schau läuft bis zum 9. August. Wochentags vormittags ist sie am besten zu besuchen — wenn das Licht im Hektor-Bau hoch genug steht, dass die Wände ihre eigentliche Tiefe entfalten.


Ressort: Bild