Enjoy Jazz im Spätherbst — was das Programm 2026 verspricht
Das Programm des 28. Enjoy-Jazz-Festivals ist seit zwei Wochen veröffentlicht. Sechs Wochen, drei Städte, vierzig Konzerte, dazwischen die Frage, woher der europäische Jazz seine Energie nimmt. Ein Vorbericht mit Vorlieben.
Enjoy Jazz beginnt offiziell erst am 1. Oktober, und doch ist Mai eigentlich die richtige Zeit, über das Programm zu schreiben. Im Mai ist es da, im Mai wird es ungelesen, im Mai ist die Versuchung am größten, einfach Konzerte zu kaufen, die man im Oktober nicht mehr unterbringen wird. Wer das Festival lange genug kennt — die diesjährige Ausgabe ist die 28. — weiß, dass die ersten Karten innerhalb von zehn Tagen weg sind und die schönsten Spielstätten gar nicht oder nur in Doppelkonzerten verfügbar bleiben. Mai ist Disposition.
Drei Städte, sechs Wochen, knapp vierzig Konzerte. Mannheim mit dem Capitol als Hauptspielstätte und dem Klapsmühl’ für die kleineren Sets, Heidelberg mit dem Karlstorbahnhof als zweitem Festivalzentrum und der Alten Aula für die kammermusikalischen Abende, Ludwigshafen mit dem BASF-Feierabendhaus für die großen Acts. Dazu, wie immer, Sonderspielstätten — Kirchen, ehemalige Industriehallen, einmal sogar ein U-Bahn-Tunnelstück in der Quadratestadt, das die Festivalleitung in den vergangenen Jahren mehrfach erfolgreich erprobt hat.
Was das Programm 2026 strukturiert
Drei Linien zeichnen sich ab, wenn man das Programm einmal durchblättert.
Die erste ist eine Linie der nordischen Schwere: skandinavische Trios und Quartette, die in den letzten zehn Jahren die europäische Klavierästhetik geprägt haben. Mehrere Konzerte mit Musiker:innen aus dem Umfeld der norwegischen und finnischen Szene; spätabends im Karlstorbahnhof, eher Sessions als Konzerte, mit dem für diese Szene typischen Klang: viel Hall, viel Raum, viel Geduld. Wer den Klang des ECM-Labels mag, wird hier glücklich. Wer ihn nicht aushält, sollte nicht in die späten Sets gehen.
Die zweite ist eine Linie der mediterranen Hitze: italienische, spanische, portugiesische Musiker:innen, die mit dem Atlantik-bezogenen Strang des europäischen Jazz arbeiten — also mit dem Erbe von Fado, Cante Jondo, sizilianischer Volksmusik, aber im Jazzkontext. Diese Linie liegt traditionell im Capitol, wo die Bühne breit genug ist für die Septette und Oktette, die diese Tradition mit sich bringt. Drei Abende sind mir aus dem Programm sofort aufgefallen, die ich mir vormerke.
Die dritte ist eine Linie der jüngeren britischen Szene, die seit etwa 2018 — also seit den Jahren um Sons of Kemet, Shabaka Hutchings, Nubya Garcia — die europäische Festivalwelt aufmischt. Enjoy Jazz hat dieser Szene in den vergangenen drei Ausgaben sehr viel Raum gegeben, und sie tut es auch dieses Jahr wieder: zwei größere Konzerte im BASF-Feierabendhaus, mehrere Doppel-Bills im Karlstorbahnhof, dazu eine späte Session in einer ehemaligen Werkshalle im Mannheimer Hafen. Diese Linie ist die, für die das jüngere Publikum kommt — und sie ist auch die, die für Enjoy Jazz seit einiger Zeit ein Generationenwechsel im Publikum bedeutet.
Die Frage nach der Energie
Wer das europäische Jazzfestivalwesen seit den späten Neunzigern beobachtet — und Enjoy Jazz ist seit 1999 dabei, also seit dem Anfang dieser Beobachtung —, wird in den letzten Jahren eine eigentümliche Verschiebung bemerkt haben. Der Jazz, der heute auf europäischen Festivalbühnen läuft, ist kein US-amerikanischer Jazz mehr.
Nicht in dem Sinne, dass keine US-Musiker:innen mehr kämen — sie kommen, jedes Jahr, und auch dieses Jahr stehen einige große Namen aus dem New Yorker Umfeld auf dem Plakat. Aber sie sind nicht mehr der Maßstab. Der Maßstab — das, woran die jüngeren europäischen Spieler:innen ihre eigene Arbeit messen — ist der europäische Jazz selbst geworden. Die Tasten- und Spielideen, die in Oslo, Manchester, Lissabon, Barcelona, Berlin entwickelt werden, gehen längst nicht mehr automatisch über den Umweg New York.
Das ist nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein institutionelles Phänomen. Festivals wie Enjoy Jazz, wie das Jazzfest Berlin, wie das Jazzfestival Saalfelden in Österreich oder das London Jazz Festival haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Infrastruktur aufgebaut, in der jüngere Spieler:innen Auftrittsorte, Förderung, Aufnahmeproduktionen und Vernetzung finden. Sie müssen nicht mehr — wie noch in den Achtzigern — den Umweg über die US-Szene gehen, um ernst genommen zu werden. Sie können in Europa entstehen, in Europa wachsen, in Europa gehört werden.
Der europäische Jazz hat in den letzten zwanzig Jahren aufgehört, Filialliteratur zu sein.
Enjoy Jazz hat an dieser Entwicklung Anteil. Nicht den größten Anteil — das hätte das Festival nie behauptet, dafür sind die Berliner und Londoner Bühnen zu dominant — aber einen erkennbaren. Die Festivalleitung programmiert seit Jahren mit einem klaren Ohr für europäische Strömungen, ohne ins Provinzielle zu kippen. Mannheim und Heidelberg sitzen geografisch gut: nahe genug an Paris, Brüssel, Amsterdam, dass die niederländisch-belgisch-französische Achse erreichbar bleibt; weit genug von Berlin entfernt, dass es kein Berlin-Klon ist.
Spielstätten — eine kleine Topographie
Ein Programm allein macht noch kein Festival. Wer Enjoy Jazz mag, mag es auch wegen der Spielstätten.
Das Capitol in Mannheim, das ehemalige Kino am Waldhof, ist die große Bühne — etwa 700 Plätze, klassisches Kinoparkett, Akustik überraschend gut für ein Haus, das nicht primär für Musik gebaut wurde. Das Capitol ist die Bühne, auf der die großen Sextette und Septette spielen, hier hört man die mediterrane Linie am besten.
Der Karlstorbahnhof in Heidelberg ist der andere Pol — ein ehemaliges Bahnhofsgebäude, das seit den frühen Neunzigern als soziokulturelles Zentrum dient. Die Konzerte dort sind kleiner, intimer, das Publikum jünger. Hier wird die britische Linie am direktesten zu hören sein, hier sind auch die spätabends improvisierten Sessions zu erwarten.
Das BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen ist das Schauerstück der Region — ein Saal aus den 1950er Jahren, gebaut für die Belegschaftsabende eines Chemieriesen, mit einer Akustik, die selbst Streichquartette in Klang taucht. Wer noch nie ein Jazzkonzert in einem Saal gehört hat, der für 800 Industriearbeiter:innen gebaut wurde, sollte das einmal tun. Die akustischen Verhältnisse sind eigentümlich — sehr trocken, sehr direkt, ohne den weichen Nachhall der modernen Konzertsäle. Es macht den Klang ehrlicher.
Dazu kommen die Sonderspielstätten — und in dieser Kategorie liegt der eigentliche Spaß. Wer im Mai schon zugreift, hat noch Auswahl. Wer im September zugreift, hat keine mehr.
Was ich vormerke
Drei Abende, die ich mir aus dem aktuellen Programm sofort markiert habe:
Erstens, das Eröffnungskonzert im Capitol — ein internationales Quartett mit zwei Schlagzeugen, von dem ich auf einer Aufnahme aus dem Vorjahr Stücke gehört habe, die zwischen freier Improvisation und melodischer Verdichtung pendeln. Das Risiko bei zwei Schlagzeugen: Es wird laut. Der Reiz: Wenn es gelingt, entsteht eine Polyrhythmik, die ein einzelnes Schlagzeug nie liefert.
Zweitens, ein Solo-Klavierkonzert in der Alten Aula in Heidelberg, von einer Pianistin aus dem norwegischen Umfeld, die ich auf Platte sehr gut kenne und live noch nie gehört habe. Die Alte Aula ist ein heikler Raum — viel Hall, repräsentativ, alt — aber für Solo-Klavier vielleicht das beste Haus der Stadt.
Drittens, der späte Session-Slot im Karlstorbahnhof am ersten Festivalwochenende, in dem ein britisches Septett spielt, das auf Platte mit einer fast überfrachteten Bläsersektion arbeitet. Live dürfte das eine ganz andere Energie haben — kleiner Raum, dichte Besetzung, lange Stücke. Wenn es funktioniert, ist es einer der Abende der Saison.
Was im Oktober wichtig wird
Ich werde im Herbst über einzelne Konzerte schreiben — ausführlich, nicht in der Vorberichtsform, sondern als Konzert-Reportagen. Bis dahin: Das Programm liegt aus, in den Galerien, in den Buchhandlungen der Innenstadt, online ohnehin. Wer überlegt, ein einzelnes Konzert auszuwählen, sollte den späten Karlstorbahnhof-Slot vormerken; wer das ganze Festival anpeilt, kauft sich am besten ein Sechs-Konzert-Paket und entscheidet im September, was hineinrückt.
Auf den Herbst freue ich mich. Mai ist Disposition. Oktober ist Spielzeit.