Eine Premiere im Schauspielhaus N7 — Bilanz nach drei Stunden Bühne
Im Schauspielhaus des Nationaltheaters läuft eine neue „Iphigenie", die sich mit der Vorlage in einem stillen, manchmal sturen Streit befindet. Drei Stunden, zwei Pausen, ein langer Schlussapplaus — und einige offene Fragen.
Es gibt Premieren, nach denen man sofort weiß, woran man ist. Standing Ovations oder Buhrufe, klare Linie, klare Stimmung. Und es gibt jene, nach denen das Publikum drei, vier Sekunden zu lange braucht, bis der Applaus einsetzt — und in dieser Pause, in diesen drei Sekunden, sitzt das, was die Inszenierung uns eigentlich zugemutet hat. Die „Iphigenie auf Tauris”, die das Nationaltheater Mannheim am Samstagabend im Schauspielhaus in N7 herausgebracht hat, gehört zu dieser zweiten Sorte. Drei Sekunden Stille, dann erst der Applaus, der allerdings beträchtlich war und gegen Ende — nach dem dritten Vorhang — in einzelne, vereinzelte Bravos überging. Buhrufe gab es keine. Aber Standing Ovations auch nicht.
Das ist, will man dem Premierenpublikum glauben, ein Kompliment.
Der Saal, das Bild, der erste Zugriff
Das Schauspielhaus in N7 ist seit der Wiedereröffnung 2023 dieses kantige, fast harte Haus geworden, das die Generalsanierung aus ihm gemacht hat: schwarzer Stahl im Foyer, helles Lärchenholz im Saal, eine fast brutale Sichtbarkeit der Technik. Bühnenbildner:innen lieben den Raum, weil er nichts vortäuscht — was steht, steht. Es gibt keinen Schmuck, der die Inszenierung übernimmt.
Susanne Greiner, die für diese Produktion das Bühnenbild verantwortet, hat das ausgenutzt. Die Bühne ist nahezu leer. Ein leicht geneigter Spielboden aus geöltem Eichenholz, am hinteren Bühnenrand eine etwa drei Meter hohe Wand aus rohem Aluminium, die das Licht reflektiert wie schmutziger Spiegel. Mehr nicht. Keine Säulen, keine Andeutung von Tempel, keine Statuen. Wo Goethes Text immer wieder „im heiligen Haine der Diana” sagt, ist auf der Bühne ein Industriehof. Die Botschaft ist klar, sie ist nicht subtil, sie wird auch nicht subtil sein wollen.
Iphigenie tritt auf — Mira Bauernfeind in der Titelrolle, am Nationaltheater seit zwei Spielzeiten — und sie tritt nicht heran, wie es das pathetische Eröffnungsmonolog suggerieren würde, sondern sie steht schon da, schon vor dem Vorhang, schon im fahlen Arbeitslicht. Der Vorhang öffnet sich also nicht für sie, er öffnet sich gewissermaßen hinter ihr, und sie spricht den ersten Satz — „Heraus in eure Schatten, rege Wipfel” — in den fast leeren Saal hinein, bevor das Licht überhaupt umschaltet. Eine Geste, die das Publikum zwingt, sofort hinzuhören. Es funktioniert.
Die Spielfassung — was geht, was bleibt
Die Spielfassung (Dramaturgie: Maren Köhler) hat den Goethe nicht modernisiert, sondern verdichtet. Der Vers bleibt, aber er ist beschnitten. Wo Goethe in den langen Tiraden Thoas’ und Orests sich in mythologischen Verweisen verliert, hat Köhler den Bogen straffer gezogen. Aus 1900 Versen sind etwa 1400 geworden, schätze ich — niemand hat die Zahl genannt, aber die Spielzeit von dreieinhalb Stunden mit zwei Pausen lässt darauf schließen.
Das Erstaunliche: Es fehlt nichts. Wer den Text kennt, vermisst keine Stelle. Wer ihn nicht kennt, hört einen erstaunlich präzise gebauten Konflikt zwischen drei Figuren — Iphigenie, Orest, Thoas — in dem es um eine Frage geht, die heute genauso aktuell ist wie 1787: Darf man jemanden anlügen, um ihn zu retten? Die Inszenierung von Adrian Wolters, der zum ersten Mal am Nationaltheater arbeitet, nimmt diese Frage ernst.
Wolters lässt sehr langsam spielen. Das ist die mutigste Entscheidung der Aufführung. Zwischen Iphigenies Frage an Pylades („Wie heißest du?”) und Pylades’ Antwort vergehen, ich habe nicht mitgezählt, aber gefühlt acht Sekunden Stille, in denen Pylades — Lennart Behr, mit federnder Präsenz — die Antwort offenbar tatsächlich überlegt. Es ist nicht psychologische Mätzchen, es ist tatsächlich ein Mensch, der gerade entscheiden muss, ob er lügt. Diese Langsamkeit ist im ersten Akt schwer auszuhalten. Im zweiten Akt fängt sie an zu tragen. Im dritten ist sie das ganze Gebäude.
Die Schauspielleistung
Mira Bauernfeind als Iphigenie hat in dieser Inszenierung die undankbarste Aufgabe: Sie muss eine Figur spielen, die alle Konflikte in sich aushält, ohne sie auf der Bühne auszuspielen. Iphigenie schreit nicht, sie weint kaum, sie verzweifelt nicht in lesbaren Gesten. Bauernfeind macht das, indem sie eine sehr kleine, sehr genaue körperliche Sprache findet: die Hand, die ans Schlüsselbein wandert; die Schultern, die einen halben Zentimeter höher kommen, wenn Thoas sich nähert; das Atemholen vor einer wichtigen Antwort, das man bis in die zwölfte Reihe hört. Es ist Kammerspiel auf einer Bühne, die eigentlich für großes Spiel gebaut wäre. Das Publikum lehnt sich vor.
Lennart Behr als Pylades und Joscha Wendlandt als Orest sind ein Schauspielerpaar, das man in den nächsten Spielzeiten häufiger zusammen sehen wird, glaube ich. Wendlandts Orest ist hart, vorbeigeglüht, fast zynisch im ersten Auftritt; im Wahnsinnsmonolog des dritten Aktes wird er dann nicht — wie traditionell — pathetisch, sondern eigentümlich präzise. Er beschreibt seinen Wahnsinn, als würde er ihn einem Arzt schildern. Das ist eine der Stellen, an denen die Inszenierung am riskantesten ist, und sie funktioniert.
Thoas — Helmut Konradi, das langjährige Ensemble-Mitglied — wird hier nicht als barbarischer König, sondern als bürokratischer Verwalter eines fremden Volkes gespielt. Er hat einen Schreibtisch, der irgendwann auf die Bühne kommt, und er hat eine Mappe, in die er schaut, wenn er Iphigenie nach ihrer Herkunft fragt. Das ist eine starke, vielleicht zu starke Setzung — sie macht aus dem Tragödienkonflikt einen Verwaltungsakt. Manchmal funktioniert das, manchmal kippt es. In der Auseinandersetzung des vierten Aktes, wenn Thoas merkt, dass er belogen wurde, schlägt Konradi die Mappe zu, und in diesem einzigen Moment ist er wieder ganz König. Es ist der vielleicht stärkste Moment des Abends.
Das Publikum
Was war im Saal? Etwa 700 Plätze, schätze ich 90 Prozent gefüllt. Premierenpublikum: viel Theater-Förderverein, einige Lokalprominenz, ein paar Studierende mit Restkarten. Atmosphäre vor dem Beginn: respektvoll, ein bisschen verlegen, weil man sich an die Renovierung noch nicht ganz gewöhnt hat — das Foyer ist immer noch zu hallend, die Garderobe zu klein. In der ersten Pause: nachdenklich. Zwei ältere Herrn, denen ich am Sektstand zuhörte, waren sich nicht einig — der eine fand es „verkopft”, der andere „endlich mal kein Heimattheater”. Beide haben recht, vermutlich.
In der zweiten Pause kippte die Stimmung. Eine jüngere Zuschauerin sagte zu ihrer Begleitung etwas wie: „Ich verstehe, was die wollen.” Genau diese Formulierung — was die wollen — ist, glaube ich, eine der besseren Reaktionen auf eine Inszenierung. Sie heißt: nicht was Goethe wollte, sondern was die Regie damit will. Ein Publikum, das das unterscheidet, ist ein erwachsenes Publikum.
Beim Schlussapplaus dann jene drei Sekunden Stille, von denen ich oben sprach. Dann der lange, sehr lange Applaus. Drei Vorhänge, am Ende Wolters auf der Bühne, der sich kurz verbeugte und sofort wieder verschwand. Ihm war anzumerken, dass er nicht weiß, wie der Abend gerade gelaufen ist. Auch das ist ehrlich.
Was bleibt
Eine „Iphigenie”, die sich Zeit lässt, der man Zeit gibt. Eine Bühne, die behauptet, der heilige Hain sei ein Industriehof — und die diese Behauptung über drei Stunden trägt, weil sie sie nicht aufdringlich macht. Eine Hauptdarstellerin, die mit kleinster Geste am meisten erzählt. Und eine Regie, die offenbar bereit ist, ein Publikum zu langweilen, wenn die Langeweile zur Sache gehört.
Ob diese Inszenierung in zwanzig Jahren noch besprochen wird, weiß man nach einem Abend natürlich nicht. Aber wer in dieser Spielzeit ans Nationaltheater geht, sollte sie gesehen haben — gerade weil sie nicht laut gewinnt, sondern leise behauptet wird. Die nächsten Vorstellungen sind im Mai und Juni. Karten gibt es noch.
Drei Sekunden Stille sind kein schlechter Beginn für ein Theaterstück.